Blogbeitrag #1: Fünf gute Gründe, noch heute mit Free Writing anzufangen
Die Idee, ohne nachzudenken einfach drauf loszuschreiben, ist nicht neu, aber sie ist fabelhaft.
Was ist Free Writing?
Free Writing oder Freies Schreiben kommt aus dem Methodenkosmos des kreativen Schreibens. Es funktioniert wie folgt: Du setzt dich hin und schreibst einfach drauf los – ohne nachzudenken, ohne zu korrigieren und ohne zu stoppen, um das Geschriebene zu lesen. Am besten früh morgens, am besten per Hand, am besten jeden Tag. Und jetzt kommst du. Du kannst selbst einschätzen, ob morgens deine favorisierte Zeit zum Schreiben ist, ob du lieber per Hand oder mit einer Tastatur schreibst und ob du es jeden Tag schaffst oder eher nur montags bis freitags. Du kannst festlegen, ob du jeden Tag zehn Minuten oder drei Seiten oder eine Stunde schreiben möchtest. Es ist alles erlaubt. Hauptsache, du schreibst.
Woher kommt die Idee des Free Writing?
Die Idee, ohne nachzudenken einfach drauf loszuschreiben, ist nicht neu, aber sie ist fabelhaft. Sie stammt von Dorothea Brande, die in ihrem Buch Becoming a Writer im Jahr 1934 ihre Leser*innen dazu aufrief, eine halbe oder ganze Stunde eher aufzustehen, um zu schreiben. Egal was. Ihr Ziel war es, angehenden Autor*innen zu helfen, ihr Unterbewusstsein mit dem schreibenden Arm zu verbinden; ihr Unterbewusstsein also auf das Papier fließen zu lassen (Brande 1934: 47ff.). Die Anzahl der geschriebenen Seiten war ihr nicht wichtig, nur dass man vorher absolut nichts anderes tun sollte – nichts lesen, nicht sprechen.
Berühmt wurde diese Übung erst viele Jahre später als der Universitätsprofessor Ken Macrorie in seinem Buch Uptaught davon berichtete, wie er sich an einem kalten Wintertag an Brandes Schreibübung erinnerte und daraufhin seine Studierenden wegschickte mit der Aufforderung, nach Hause zu gehen, sich hinzusetzen und einfach drauflos zu schreiben. Zehn Minuten am Stück oder bis zum Ende der ersten Seite (Macrorie 1970: 20ff.). Er fand für diese Schreibübung die eingängige Bezeichnung Free Writing und ebnete ihr damit den Weg in alle erdenklichen Anwendungsbereiche: In den darauffolgenden Jahren trugen Anglist*innen und Schreibdidaktiker*innen wie Peter Elbow (Elbow 1973), erfolgreiche Autor*innen wie Natalie Goldberg (Goldberg 1986) und die sogenannte „Queen of change“ Julia Cameron (Cameron 1992) die Free Writing-Methode in die ganze Welt. Das Besondere an der Methode ist, dass sie nicht nur Menschen hilft, die beruflich oder privat schreiben wollen; sie hilft auch Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich zu fokussieren, Menschen, die ein geringes Selbstbewusstsein haben und Menschen, die Neues ausprobieren und sich kreativ ausleben wollen.
Warum du mit einem Stift in der Hand in den Tag starten solltest? Hier kommen fünf gute Gründe, noch heute mit Free Writing anzufangen:
1. Um Ballast abzuwerfen. Es ist möglich, dass sich deine ersten Gedanken des Tages nur um deinen Haaransatz oder körperliche Beschwerden drehen oder du nur zu Papier bringst, wie du dich bei den wenig wertschätzenden Bemerkungen von Kolleg*innen gestern gefühlt hast. Schreib alles auf, was dich bedrückt, erfreut oder was du beim letzten Arzttermin oder Elternsprechtag vergessen hast, zu sagen. Schreib alles auf, um es aus dem Kopf zu haben und loszuwerden.
2. Um vergessene Einfälle wieder ins Gedächtnis zu locken und neue Ideen zu entwickeln. Ja, beim Free Writing landet auch viel Nonsens auf dem Papier, aber du wirst überrascht sein, wie viele Ideen bei dieser Übung aus den hintersten Ecken deines Gedächtnisses wieder hervorkommen und wie du zum Teil neue Ideen dabei entwickelst, ohne es zu wollen oder zu müssen (zur Erinnerung: Du erlaubst dir einfach draufloszuschreiben und musst gar nichts).
3. Um deinen Schreibmuskel zu trainieren. Du lernst, dass es möglich ist, für eine lange Zeit am Stück zu schreiben. Zu wissen, dass du das kannst, ist eine wertvolle Ressource. Es ist vergleichbar mit jemanden, der bereits einen Halbmarathon zu Ende gelaufen ist. Die Person wird beim nächsten Laufwettbewerb exakt daran zurückdenken und ein gewisses Vertrauen in sich und die eigenen Fähigkeiten haben. Also schreib drauf los und gerne jeden Tag etwas länger.
4. Um zu merken, dass du immer schreiben kannst. Für die Autorin und Künstlerin Julia Cameron gehörte es lange Zeit zum Schreiben dazu, zu trinken. Als sie mit 30 Jahren entschloss, mit dem Alkoholkonsum aufzuhören, musste sie für sich Wege finden, nüchtern Texte aufs Papier zu bringen – ohne Hemmungen und ohne Angst. Ihr morgendliches Schreibritual, morgens konsequent drei sogenannte Morning Pages zu schreiben, half ihr dabei. Wenn du dich jeden Morgen dazu zwingst, etwas zu Papier zu bringen, lernst du sehr schnell, dass du dafür nicht in der richtigen Stimmung, angetrunken oder gut gelaunt sein musst. Du kannst immer schreiben.
5. Um deinen inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen. Das ist der wichtigste Grund, um mit dem Free Writing anzufangen. Weil es beim Freien Schreiben keinerlei Regeln gibt, kannst du nichts falsch machen. Das allein ist ein Geschenk. Du könntest wie wild Lieblingsrezepte aus deiner Kindheit auflisten, deinem Ärger über unfreundliche Begegnungen Luft machen oder auch nur etwas zeichnen oder kritzeln. Tatsächlich spricht Julia Cameron in ihrer Anleitung zur Aktivierung der eigenen Kreativität nicht davon, dass du Morning Pages „schreiben“ sollst, sondern, dass du sie „machen“ sollst – egal wie, alles ist erlaubt. Anschließend brauchst du mit den Seiten rein gar nichts zu machen – sie sind nicht zum Lesen bestimmt, sie sind eher eine Abladestation für Gedanken, die sonst deinen Alltag, dein Schreibprojekt oder deine Kreativität überschattet hätten.
Ich freue mich, wenn du noch heute anfängst, frei zu schreiben. Egal ob du promovieren, fokussierter arbeiten oder dir mehr Kreativität zutrauen möchtest: Fang einfach an, zu schreiben. Melde dich gerne per E-Mail bei mir, falls du dabei Unterstützung brauchst.
Brande, Dorothea. 1934. Becoming a Writer. New York: Harcourt, Brace and Company.
Cameron, Julia. 1992. The Artist’s Way - A spiritual path to higher creativity. New York: Jeremy P. Tarcher / Putnam.
Elbow, Peter. 1973. Writing Without Teachers. London: Oxford University Press.
Goldberg, Natalie. 1986. Writing down the bones - Freeing the writer within. Boston: Shambhala Publications, Inc.
Macrorie, Ken. 1970. Uptaught. New York: Hayden Book Company Inc.