Blogbeitrag #2: Warum es sich lohnt, zusammen zu schreiben
Seitdem es Menschen gibt, die schreiben, gibt es Menschen, die zusammen schreiben. Schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts haben sich Studierende an Universitäten in sogenannten literarischen Gesellschaften (engl. literary societies) zusammengeschlossen, um sich gegenseitig ihr Geschriebenes vorzutragen, zu verbessern und ihre Schreibkompetenzen auszubauen (Gere 1987). Diese literarischen Gesellschaften, allen voran der legendäre Spy Club, der im Jahr 1719 an der Harvard University gegründet wurde, sind die Vorgänger der akademischen Schreibgruppen, wie wir sie heute kennen.
Für Studierende und Doktorand*innen gibt es heute an den meisten Universitäten und Hochschulen in Deutschland fest etablierte Graduierten-Akademien oder Schreibzentren, in denen Kurse zu Publikationsstrategien oder Schreibtechniken, individuelle Beratungen und Schreib-Veranstaltungen angeboten werden. In Schreib-Cafés, in der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ und ähnlichen Formaten schließen sich akademische Schreibgruppen in Präsenz oder online zusammen, um konzentriert zusammen zu schreiben. Schreib-Tandems, also der Zusammenschluss von zwei Studierenden oder Doktorand*innen, oder die Teilnahme an sogenannten Schreibwochen sollen die Teilnehmenden zum Fertigschreiben motivieren, ihnen die Angst vorm Schreiben nehmen und vor allem Spaß machen.
Für Autor*innen gibt es die Möglichkeit, sich offenen Schreibgruppen in Literaturbüros oder Literaturhäusern anzuschließen, eine eigene private Schreibgruppe zu gründen (Elling 2024) oder – falls möglich – Schreibreisen an inspirierende Orte zu machen: Zum Beispiel einen Songwriting-Kurs im schottischen Moniack Mhor zu besuchen, an einer Lyrik-Werkstatt in Worpswede teilzunehmen oder sich auf einem Schreibretreat in der Toskana vollkommen auf das eigene Schreiben zu konzentrieren.
Aber warum lohnt es sich, sich Gleichgesinnte zu suchen und zusammen zu schreiben?
Zugehörigkeit stärken, Zusammenhalt erfahren: Wenn du schreibst, bist du viel allein – mit deinem Rechner, mit Stift und Papier, mit deiner Angst vor dem leeren Blatt und auch mit deinen Erfolgen. In einer Schreibgruppe hast du einen Ort, um Rückschritte offen anzusprechen und Fortschritte zu feiern. Das hilft dir, dich auch an deinem Schreibtisch weniger allein zu fühlen.
Frust ablassen, Gehör finden: Wenn du deiner Schreibgruppe Schwierigkeiten anvertraust, wirst du schnell merken, dass es den anderen ganz genauso geht. Vielleicht bekommst du direkt hilfreiche Ratschläge, vielleicht es hilft dir auch schon, Probleme in der Gruppe zu besprechen, um selbst auf Lösungen zu kommen.
Sich gegenseitig motivieren und bestärken: Es kann sehr motivierend sein, innerhalb einer Schreibgruppe über deine eigenen Erfolge zu sprechen – für dich, weil es Zuspruch geben wird, und für die anderen, weil es ihnen hilft, selbst dranzubleiben und ihre eigenen Schreibziele im Blick zu behalten.
Voneinander lernen, sich verbessern: Du kannst in einer Schreibgruppe deinen eigenen Schreibprozess reflektieren und von den Erfahrungen und Ratschlägen der anderen Teilnehmer*innen profitieren. Durch die Tipps aus der Gruppe, aber auch dadurch, dass Du selbst regelmäßig Feedback gibst, wirst du deine Schreibfähigkeiten verbessern.
Zeitplanung besprechen, sich realistische Ziele setzen lernen: Wenn du in deiner Schreibgruppe Ziele formulierst (und aufschreibst!), die du bis zum nächsten Treffen erreicht haben möchtest, hast du in deiner Schreibzeit zuhause im Hinterkopf, dass deine Gruppe fragen wird, ob du deine Ziele erreicht hast. Dieser gewisse Druck hilft vielen dabei, am Ball zu bleiben und sich nach und nach realistischere Ziele zu setzen, Hindernisse vorherzusehen und vorab Lösungen für mögliche Hürden zu finden.
Falls es bei dir in der Gegend keine passenden Schreibangebote gibt oder du zum Schreiben absolute Ruhe brauchst, also zusammen schreiben in Präsenz oder mit laufender Kamera nicht gut funktionieren, melde dich gerne per E-Mail zu meinen Schreibwochen an. Die Teilnahme beinhaltet jeweils die Zusendung zweier Fragebögen, um sich vorab Schreibziele zu setzen, in der besagten Woche konzentriert zu schreiben und anschließend über die eigenen Schreibfortschritte zu reflektieren. Vielleicht hilft dir das dabei, den Anfang zu finden oder dranzubleiben.
Elling, Britta. 2024. „Wie gründe ich eine Schreibgruppe? 6 wichtige Tipps und Grundlagen für die Gründung einer privaten Schreibgruppe“. https://federreiter.de/wie-gruende-ich-eine-schreibgruppe/thema.
Gere, Anne Ruggles. 1987. Writing Groups: History, Theory, and Implications. Carbondale: Southern Illinois University Press.
Akademische Schreibangebote (Auswahl):
Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten - 2026 | TU Chemnitz
(Schreib-)Angebote für Studierende und Promovierende | Universität Tübingen
Schreibcafé | Zentrum für Wissenschaftsdidaktik | Ruhr-Universität Bochum
Schreibtreffen, Schreibretreats, Schreibreisen (Auswahl):
Offene Schreibgruppe | Literaturbüro NRW (lief bis 12/2025, wird ggf. verlängert)
Offene Werkstatt | Literaturhaus München
Moniack Mhor – Scotland's Creative Writing Centre (unbezahlte, unbeauftragte Werbung)
Schreibkurse & Schreibreisen | Textmanufaktur (unbezahlte, unbeauftragte Werbung)