Blogbeitrag #10: Warum du die Fehler in deinem Text nicht (mehr) siehst und was du dagegen tun kannst.
Lesen und Korrekturlesen sind zwei sehr unterschiedliche Aufgaben.
Beim Lesen scannst du den vorliegenden Text, um den Inhalt zu erfassen. Ohne es zu merken, machst du dabei permanent ruckartige Augenbewegungen (Sakkaden), die nur für kurze Pausen an bestimmten Haltepunkten (Fixationen) unterbrochen werden, um Informationen aufzunehmen (Funke 2006; Rayner 1998). Durch diese Blickbewegungen während des Lesens erfasst dein Gehirn logischerweise nicht jeden Buchstaben, sondern gerade genug Informationen, um den Text zu verstehen.
Beim finalen Korrekturlesen geht es aber darum, einen Text auf sprachliche Korrektheit (Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung) zu überprüfen – jeden Satz und jedes Wort. Beim Korrigieren gilt daher, einzelne Wörter zu überprüfen und Sätze zu Ende zu lesen, selbst wenn einem der Kontext bereits klar ist.
Warum du die Fehler in deinem Text nicht (mehr) siehst und was du dagegen tun kannst.
Du kennst deinen Text zu gut, vielleicht sogar auswendig. Du weißt, was in jeder einzelnen Textpassage steht, und kannst einzelne Sätze in deinem Manuskript aus dem Gedächtnis vervollständigen. Vielleicht liest du auch, was du schreiben wolltest, und übersiehst dabei, was du geschrieben hast.
Dir fällt es schwer, bei der Überarbeitung des Textes von Makro- auf Mikro-Ebene zu wechseln. Vielleicht hast du direkt vorher den logischen Aufbau des gesamten Textes, die Argumentation einzelner Kapitel oder die Gestaltung der Absätze geprüft, und hast nun Schwierigkeiten dabei, auf Fehler in einzelnen Sätzen und Wörtern zu achten.
Du erwartest keine Fehler mehr. Du hast den Text während der inhaltlichen Überarbeitung schon so viele Male gelesen, dass du dir gar nicht vorstellen kannst, dass darin überhaupt noch Fehler enthalten sein könnten.
Es folgen sieben Tipps, wie das Korrekturlesen eigener Texte dennoch gelingen kann:
Dein Text und Du, ihr braucht Abstand. Es hilft, zwischen dem Schreiben und dem Korrekturlesen Zeit verstreichen zu lassen (wenn möglich, mehrere Tage). Am besten wäre es, wenn du in dieser Pause den Kopf freibekommen könntest. Egal, ob Joggen, ein Koch- oder Spieleabend mit Freunden oder Binge-Watching deiner Lieblingsserie – mach etwas völlig anderes und versuche, den Text zu vergessen.
Nutze die Word-Rechtschreibprüfung, aber genieße sie mit Vorsicht. Lass zu Beginn gerne einmal die automatisierte Fehlersuche laufen, aber vertraue bitte nicht darauf, dass sie korrekt oder vollständig ist. Damit lassen sich grobe Fehler wie unvollständige Sätze gut finden, aber viele Vorschläge sind schlichtweg nicht korrekt. Sie hilft zum Beispiel auch nicht dabei, uneinheitliche Schreibweisen aufzuspüren, dafür muss man seinen Blick schärfen und sich sehr gut konzentrieren können.
Nutze unbedingt die Suchfunktion in Word (Strg F). So kannst du doppelte Leerzeichen und andere Fehler, die du häufiger machst, aktiv suchen und ersetzen.
Lies dir den Text laut vor. Da du beim Vorlesen etwas langsamer bist und kein Wort überspringen kannst, fallen dir dabei noch eher holprige Formulierungen, Redundanzen und zu verschachtelte Sätze auf. Wenn du den Text nicht selbst vorlesen möchtest oder kannst, nutze die Vorlesefunktion in Word (Alt + Strg + Leertaste).
Lies den Text rückwärts. Das geht offensichtlich nur bei kürzeren Texten, aber wenn du jedes Wort einzeln liest (vom Satzende bis zum Satzanfang), überspringt dein Gehirn definitiv keine Wörter und du kannst jedes Wort einzeln prüfen. Diese Methode eignet sich zur Rechtschreibprüfung von kurzen Texten, wie z.B. Flyern oder Broschüren, bei denen der erste Eindruck besonders wichtig ist.
Verändere das Erscheinungsbild deines Textes. Ein solcher Verfremdungseffekt kann durch eine ungewohnte Schriftart, eine neue Schriftgröße, eine andere Hintergrundfarbe (in Word: Entwurf > Seitenfarbe) oder das Hineinzoomen in den Text kreiert werden. Das kann dabei helfen, Abstand zu schaffen und deinem Gehirn glaubhaft zu machen, dass es den Text zumindest in dieser Form noch nicht gesehen hat.
Verändere das Setting. Lies den Text in ausgedruckter Form in einem anderen Raum als sonst. Entspannt auf dem Balkon oder kuschelig auf dem Sofa. Vielleicht fallen dir durch den Ausdruck und einen solchen Ortswechsel doch noch Rechtschreib-, Grammatik-, Zeichen- oder Formatierungsfehler auf, die dir in all den Wochen am Bildschirm verborgen geblieben sind.
Wenn das alles nicht hilft, dann hol dir Unterstützung. Bitte deine Schreibgruppe, deinen Freundes- und Familienkreis um Hilfe beim Korrekturlesen. Außenstehende sehen mehr Fehler, weil sie unvoreingenommen sind, keine persönliche Bindung zu dem Text haben und bestenfalls auch Fehler erwarten. Wenn es ein wichtiges Manuskript ist, beauftrage gerne ein professionelles Lektorat oder Korrektorat. Bei der Wahl einer passenden Lektorin oder eines passenden Lektors achte darauf, ob Weiterbildungen von seriösen Anbietern (VFLL oder ADM) vorliegen und ob Erfahrungen für das jeweilige Genre vorhanden sind.
Ich biete Lektorat und Korrektorat für wissenschaftliche Arbeiten, Ratgeber, Sach- und Fachtexte an und freue mich auf deine Anfrage.
Funke, Joachim. 2006. „Wenn Blicke sprechen - Universität Heidelberg“. (1/2006). https://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca06-1/wenn.html.
Rayner, Keith. 1998. „Eye Movements in Reading and Information Processing: 20 Years of Research.“ Psychological Bulletin 124(3):372–422. doi:10.1037/0033-2909.124.3.372.