Blogbeitrag #21: Können wir bitte über KI-Abhängigkeit sprechen?
KI-Abhängigkeit ist nicht dasselbe wie KI-Sucht, aber ähnlich gruselig.
KI-Sucht beschreibt das Phänomen, wenn Menschen eine so tiefe emotionale Bindung zu ihren Chatbots entwickeln, dass diese quasi-sozialen Beziehungen die Teilnahme am realen Leben zunehmend erschweren. KI-Abhängigkeit kann entstehen, wenn KI nicht mehr mit einer gewissen Distanz als “Sparringspartner” genutzt wird, sondern die Nutzung mit wachsenden Unsicherheiten, Unselbstständigkeit und Ängsten einhergeht.
Was ich im Schreibcoaching zunehmend beobachte: Mir fällt auf, dass insbesondere junge Studierende, die für ihre Haus- und Seminararbeiten überwiegend KI-Tools genutzt haben, sehr unsicher sind, was ihr eigenes Schreiben angeht. Manche sind unsicher, ob ihre eigenen Gedanken und Schlussfolgerungen einen Wert haben und ob sie - ohne Einsatz von Large Language Models (LLMs) - wissenschaftlich genug schreiben können. Die KI wird auf ein Podest gestellt und das macht es schwierig.
Was Expert*innen dazu sagen: In der Frankfurter Rundschau (18.11.2025) beschreibt der Generationenforscher Dr. Rüdiger Maas vom Institut für Generationenforschung eine Abwärtsspirale: Je mehr Jugendliche KI nutzen, desto passiver und phlegmatischer würden sie. Da sich das Gehirn schnell merke, dass es sich nichts merken müsse*, entstünde eine Abhängigkeit. Dadurch nehme die Selbstbestimmung ab und verstärke sich die Angst vor einer KI-dominierten Arbeitswelt (Mayr 2025).
Erste Erkenntnisse aus der Wissenschaft: Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) von Kosmyna et al. (2025) untersuchte mittels Elektroenzephalografie (EEG) die Gehirnaktivitäten beim Anfertigen von Essays (ohne Hilfsmittel, mit Google, mit ChatGPT). Die KI-Gruppe zeigte die geringste Gehirnaktivität, verwendete immer weniger eigene Gedanken und Texte, konnte den Inhalt in Interviews nicht rekonstruieren und hatte anschließend große Schwierigkeiten, auf dieses “Hilfsmittel” zu verzichten (Kosmyna et al. 2025).
Ein Appell, an seine eigenen Fähigkeiten zu glauben: Ich weiß, es ist schwierig, etwas gegen KI zu sagen. Alle nutzen sie, alle finden sie gut. Und dennoch möchte ich dazu ermutigen, selbst zu schreiben, Dinge zu hinterfragen und skeptisch zu bleiben. Ja, KI ist gekommen, um zu bleiben. Und ja, es ist wichtig, KI-Tools zu kennen und zu wissen, was sie können (und was sie eben nicht können), aber lass dir bitte nicht einreden, dass du sie ständig nutzen musst, um mit der Zeit zu gehen. Vielleicht tut dir das gar nicht so gut. Bleib da ganz bei dir.
Wenn du dir eine Begleitung für deinen Schreibprozess wünschst oder ein konkretes Anliegen hast, melde dich gerne bei mir. Ich freue mich auf dich und dein Projekt.
*Einige dürften das noch aus der Einführung der Handys kennen. Sobald sich Gehirne keine Telefonnummern mehr merken mussten, wurden sich keine Telefonnummern mehr gemerkt. Wenn man das auf fast alle Lebensbereiche ausweitet, wird die Tragweite des Problems deutlich.
Kosmyna, Nataliya, Eugene Hauptmann, Ye Tong Yuan, Jessica Situ, Xian-Hao Liao, Ashly Vivian Beresnitzky, Iris Braunstein, und Pattie Maes. 2025. „Your Brain on ChatGPT: Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task“, https://doi.org/10.48550/arXiv.2506.08872 (Preprint, under review).
Mayr, Julian. 2025. „Wie KI die Gen Z in die Job-Krise treibt – Generationenforscher warnt vor gefährlicher Spirale“. Frankfurter Rundschau, 18.11.2025.